Bundesweite Studie zum Thema „Qualitätsorientierte Prävention und Gesundheitsförderung in Einrichtungen der Eingliederungshilfe und Pflege“

Im Jahr 2015 hat der Bundesgesetzgeber das Gesetz zur Stärkung der Gesundheitsförderung und der Prävention in Kraft gesetzt (Präventionsgesetz). Die damit gewünschten neuen Leistungen zur gesundheitlichen Prävention und Gesundheitsförderung sollen alle Menschen erreichen. Sie sollen auch bei dem Personenkreis, der in bzw. über Einrichtungen der Eingliederungshilfe betreut wird, wirksam werden (hier: im Bereich teil- und vollstationäres Wohnen).

Das Bundesministerium für Gesundheit hat im Jahr 2017 den AOK-Bundesverband beauftragt, ein Qualitätssicherungskonzept zum Präventionsgesetz zu entwickeln. Dazu sollen Qualitätskriterien erarbeitet werden, nach denen die finanziellen Mittel vergeben werden, die wie im Präventionsgesetz festgelegt fließen sollen. Im Rahmen dieses Forschungsprojektes „Qualitätsorientierte Prävention und Gesundheitsförderung in Einrichtungen der Eingliederungshilfe und Pflege“ (kurz: QualiPEP) soll zudem ein Rahmenkonzept entstehen zur Förderung der Gesundheitskompetenz sowie Ansätze zur qualitativen Weiterentwicklung der betrieblichen Gesundheitsförderung.

Im Rahmen dieser Studie hat der Lehrstuhl für Diversitätssoziologie den Auftrag übernommen, in einer Feldstudie deutschlandweit exemplarisch zu erkunden, welche gesundheitsfördernden Strukturen und Angebote in den Einrichtungen der Eingliederungshilfe bestehen, vor allem aber, welche Leistungen dort vom Personenkreis der Bewohnerinnen und Bewohner benötigt und gewünscht werden. Auch die Gesundheitsförderung für das beschäftigte Personal soll in den Blick genommen werden, um für noch offene Bedarfe an betrieblicher Gesundheitsförderung erste Einschätzungen zu erhalten.

Die Feldstudie legt eine „Diagonale durch Deutschland“, die sowohl verschiedene Einrichtungstypen (fachliche Ausrichtungen), als auch unterschiedliche Träger, Dimensionen und Umgebungen der Einrichtungen (städtisch/ländlicher Raum) enthält. Der besondere Fokus liegt darauf, dass alle Personengruppen der Eingliederungshilfe zu Wort kommen können. Die Form der Beeinträchtigung und der gesundheitliche Zustand wird bewusst durch ein heterogenes Sample abgebildet. Auch Bewohnerinnen und Bewohner werden einbezogen, die sich ausschließlich über Fremdauskünfte (proxy interviews) beteiligen können. Wir freuen uns auf spannende Erkenntnisse.

Verantwortlicher: Philip Bootz

Medizinische „Problemgruppen“: Zwischen Pathologisierung und Neurodiversität

Die als psychische Beeinträchtigungen oder neuronale Entwicklungsstörungen klassifizierten Zustände der „Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung“ (ADHS) und der „Autismus-Spektrum-Störung“ (ASS) können als „sozio-medizinische Störungen“ (Dumit 2000) aufgefasst werden, die durch die Beobachtung sozial abweichender Verhaltensweisen bestimmt werden. Trotz „erfolgreicher“ Medikalisierung bleiben diese Krankheitsdiagnosen umstritten und Betroffene verstehen sich ungeachtet medizinischer Labels nicht einfach als „krank“. Die Neurodiversitäts-Bewegung etwa zielt im Gegenteil auf eine De-Medikalisierung ab und will ADHS, ASS und andere kognitive Eigenschaften als Verschiedenartigkeit ohne Krankheitswert verstanden wissen. Andere Patientenvertretungen hingegen kämpfen für die öffentliche Anerkennung der Krankheitsbilder und eine bessere medizinische Versorgung. Zentral ist dabei die Beobachtung, dass die Betroffenengruppen dem framing als Problemgruppe nicht passiv gegenüber stehen, sondern als „moralische Unternehmer“ (Becker) aktiv werden. Das Forschungsprojekt verfolgt das Ziel, mit der Dimension der Neurodiversität eine bislang wenig beachtete Diversitätsdimension an der Schnittstelle von Körper-, Medizin- und Diversitätssoziologie anzuvisieren. Dabei wird danach gefragt, wie die soziale Herstellung medizinischer Problemgruppen verläuft und welche Rolle medizinische und öffentliche Diskurse aber auch Selbstkontextualisierungsprozesse spielen, bzw. wie diese sich gegenseitig beeinflussen. 

Verantwortlicher: Dr. Fabian Karsch

Diversität, Identität, und politische Partizipation im europäischen Mehrebenensystem: Politische Partizipation von Menschen mit Beeinträchtigung in Deutschland und Italien

Kerngebiet des Forschungsinteresses sind verschiedene Ausprägungen gesellschaftlicher Diversität (z.B. Menschen mit Beeinträchtigung, Angehörige nationaler Minderheiten, Menschen mit Migrationshintergrund), die aus Diversitätsaspekten resultierenden Konstruktionen von individueller und kollektiver Identität und der Wunsch nach politischer Partizipation, um am Policy-Making Prozess teilnehmen und Einfluss auf relevante Politikbereiche ausüben zu können. Innerhalb dieses theoretischen Frameworks verortet sich auch das Forschungsprojekt zur politischen Partizipation von Menschen mit Beeinträchtigung. Als Fallstudien dienen Deutschland und Italien, mit besonderem Regionalfokus auf Bayern und Südtirol, da politische Partizipation auf regionaler Ebene niedrigschwelliger ablaufen kann und als „näher“ am täglichen Leben wahrgenommen wird. Es werden sowohl „top-down“ (rechtliche und sozialpolitische Rahmenbedingungen, politische Parteien, Institutionen) als auch „bottom-up“ (Zivilgesellschaft, Vernetzung) Prozesse analysiert; 2018 finden in beiden Fallstudien Landtagswahlen statt, was einen besonders interessanten Rahmen für komparative Forschung darstellt. Die Datenerhebung soll Großteils 2018 im Vorfeld der Wahlen erfolgen, der Abschluss des Projektes ist für 2020 geplant.

Verantwortliche: Dr. Katharina Crepaz

Digital Health: Neue Wissensverhältnisse der Gesundheit

Gesundheit ist zu einem gesellschaftlichen Zentralwert und auch einem individuellen Handlungsziel geworden, das einer Machbarkeitsvision folgt und damit ein neues Maß an Selbstverantwortlichkeit und Kompetenzen einfordert. Die zentrale Hypothese lautet, dass sich mit der Digitalisierung einerseits und dem Bedeutungszuwachs der Gesundheit in allen Lebensbereichen andererseits, eine Transformation gesundheitlicher Wissensverhältnisse vollzieht. Diskursive Wissensbestände und materielle Dispositive der Gesundheitsförderung und der Prävention werden als Triebfedern gesundheitsbezogener Praktiken wirksam, die in unterschiedlichen Handlungsfeldern je unterschiedliche gesundheitsbezogene Subjektivierungsweisen hervorbringen. Vor diesem Hintergrund untersucht das Forschungsprojekt, ob die technisch angeleitete und selbstgesteuerte Messung von Gesundheits- und Körperdaten im Sinne der Gesundheitsförderung tatsächlich zu einem Autonomiegewinn führt oder eher zu neuen Formen präsymptomatischer Medikalisierung beiträgt.

Verantwortlicher: Dr. Fabian Karsch

Ambulantisierung in Mittelfranken

Kurzbeschreibung:

  • Wissenschaftliche Begleitung von vier Pilotprojekten zur Ambulantisierung in Modellregionen des Bezirks Mittelfranken
  • Aufbau lokaler Forschungskompetenz in den Modellregionen durch die Ausbildung von Co-Forscher_innen
  • Erarbeiten eines Index für Ambulantisierung als Orientierung und Maßstab für eine gute ambulante Versorgung im Rahmen der Eingliederungshilfe im Bezirk Mittelfranken

Projektleitung: Prof. Dr. Elisabeth Wacker

Projektmitarbeiterin: Anke Petters

Laufzeit: 2015-2018

Förderung: Bezirk Mittelfranken

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Modellprojekt „Index für Teilhabeentwicklung und Lebensqualität für Menschen mit Behinderung“ (TeLe-Index)

Kurzbeschreibung:

  • Im „Modellprojekt: Index für Teilhabeentwicklung und Lebensqualität für Menschen mit Behinderung (TeLe-Index)“ werden diese Leitperspektiven einbezogen und Wege entwickelt und erprobt, die von einer traditionellen Komplexeinrichtung zu einer neuen Form der Unterstützung bei Behinderung führen. Ausgangspunkt ist ein differenziertes Grundverständnis von Beeinträchtigungen und Behinderung, wie es im Teilhabebericht 2013 der Bundesregierung zur Lage der Menschen mit Behinderung in Deutschland nach der Strukturlogik der International Classification of Functioning, Disability and Health (ICF) betrachtet wird. Das übergeordnete Ziel des Modellprojektes liegt in der Umsetzung der Intentionen und Programmatiken der UN-Behindertenrechtskonvention, insbesondere der Teilhabegestaltung und -sicherung von Menschen mit Behinderung.

Projektleitung: Prof. Dr. Elisabeth Wacker

Projektmitarbeiterin: M.A. Sarah Reker, M.A./Dipl. Volksw. Christiane Kellner

Laufzeit: 2014-2017

Förderung: Bayerisches Staatsministerium Soziales/Bezirk Oberbayern, Franziskuswerk Schönbrunn

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