Interview mit Prof. Hermsdörfer zur Gesundheitsgefahr durch Kopfbälle im „Münchner Merkur“


Der Sensor der Firma "Cosinuss" erfasst Kopfbeschleunigungen, die sich anhand der aufgezeichneten Daten nachvollziehen lassen

Prof. Dr. Joachim Hermsdörfer, Ordinarius des Lehrstuhls für Bewegungswissenschaft

Jan Kern, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Bewegungswissenschaft

Sind Kopfbälle schädlich für das Gehirn? Dieser Frage geht ein Projekt des Lehrstuhls für Bewegungswissenschaft bereits seit 2017 nach. In einem Interview mit dem „Münchner Merkur“ spricht Ordinarius Prof. Dr. Joachim Hermsdörfer nun über die Vorgänge im Gehirn, die Methodik und Ergebnisse der wissenschaftlichen Untersuchungen sowie die Auswirkungen von Kopfbällen auf Kinder und Jugendliche.

Das Projekt, in dem die Einflüsse von Kopfbällen im Fußball auf Kognition, Sensomotorik und Hirnstruktur erforscht werden, hatte ursprünglich eine Laufzeit bis Ende 2019. Diese wurde nun bis Ende 2020 verlängert. Die Förderung des Bundesinstituts für Sportwissenschaft betrug bislang rund 170.000 Euro und wurde für das zusätzliche Jahr um rund 60.000 Euro aufgestockt. Vom Lehrstuhl für Bewegungswissenschaft ist Jan Kern als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Studie maßgeblich beteiligt.

„Bisher haben wir ein potentielles Gesundheitsrisiko bei Fußballerinnen analysiert. Im nächsten Jahr widmen wir uns einer zusätzlichen Fragestellung in diesem Bereich und haben den Fokus auf mögliche Gehirnschäden bei Kindern gelegt“, erklärt Prof. Hermsdörfer. „Gerade bei Heranwachsenden ist das Thema absolut interessant und überaus relevant.“

Seit Mitte 2017 wurden die Historie und der Kontext aller Kopfstöße der Damenmannschaft des SC Regensburg, die in der Frauen-Bayernliga spielen, erhoben. Dabei wurde die Beschleunigung des Schädelknochens durch Auswertung des von einem Sensor gelieferten Signals gemessen und mit dem aufgezeichneten Videomaterial der Fußballspiele verglichen. Dadurch sollte untersucht werden, inwiefern die Häufigkeit und Intensität der erlebten Kopfstöße mit möglichen Änderungen der Leistungsfähigkeit, die in separaten Tests erhoben wurde, zusammenhängen. Im August 2019 erfolgte eine zusätzliche Kooperation mit der ersten Frauenmannschaft des FFC Wacker München, die ebenfalls in der Bayernliga spielten und nun in die Regionalliga Süd aufgestiegen sind.

„Die Idee war, die Daten des FFC Wacker München auch über eine komplette Saison zu erheben, um so vergleichbare Zahlen für zwei Frauen-Teams zu bekommen“, so der Bewegungswissenschaftler Hermsdörfer. „Leider hat uns das Coronavirus nun einen Strich durch die Rechnung gemacht, weshalb wir nur eine halbe Saison beobachten konnten und auf die Fortsetzung warten müssen.“

Im technischen Bereich gebe es laut Prof. Hermsdörfer eine fortschrittliche Entwicklung: „Wir werden in Zukunft mit der Firma Cosinuss zusammenarbeiten, deren technologische Entwicklungen wir nützen können, um Kopferschütterungen genau zu messen. Diese Sensoren können wie ein modernes Hörgerät mit einer standardisierten Platzierung hinter dem Ohr angebracht werden. Der Vorteil ist, dass wir anhand dieser neuen Technik die Messungen in Zukunft nicht nur bei Spielen, sondern auch im Training durchführen können und damit Videoaufzeichnungen nicht mehr nötig sind.“ Auf Basis dessen sei das Ziel, mehr Fußballmannschaften über eine komplette Saison zu begleiten und so idealerweise Datensätze von über 100 Spielerinnen zu erhalten.

Auch bei Kindern und Jugendlichen soll diese Technik zum Einsatz kommen. „Im Bereich der Auswirkungen von Kopfbällen auf das kindliche Gehirn gibt es bereits einige Studien“, weiß Prof. Hermsdörfer. „Die Muskulatur bei Kindern ist weniger ausgeprägt und die Antizipation ist noch nicht ausgereift, weshalb die Beschleunigung der Schädelknochen bei Kindern nach einem Kopfball deutlich stärker sein könnte. Letzten Endes trifft der harte Ball auf ein nicht fertig entwickeltes Gehirn.“

In den USA gibt es deshalb bereits ein Kopfballverbot für Kinder. Auch der Englische und der Schottische Fußball-Verband wollen nach Informationen britischer Medien Kopfballübungen im Training bei unter 18-Jährigen begrenzen. Demnach soll eine Obergrenze für Kopfbälle bei Jugendlichen eingeführt werden. Diese Regelung basiert auf den Ergebnissen einer Untersuchung, wonach Profifußballer ein mehr als dreifach erhöhtes Risiko haben, an einer Demenz zu versterben. Der Deutsche Fußball-Verband (DFB) um Nationalmannschaftsarzt Prof. Dr. Tim Meyer hält ein Kopfballverbot für Kinder aktuell trotzdem für nicht sinnvoll, da Kinder in den unteren Altersklassen im Bereich des DFB in Spiel und Training nur selten Aktionen mit dem Kopf hätten.

 

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Kontakt:

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E-Mail: Joachim.Hermsdoerfer(at)tum.de

Jan Kern
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Text: Romy Schwaiger
Fotos: Lehrstuhl für Bewegungswissenschaft